Die Hirschsprung-Legende

Wilhelm Ott, 2013

 

An der Einfahrt zur Wohnstadt Hirschsprung steht, in einer "Ruhe" eingebaut, eine Bronzetafel mit folgendem Text: "Vor Zeiten, als die Jagd im Reichsbann-Forst Dreieich noch in hoher Blüte stand, soll hier ein Hirsch, der von Jagdhunden verfolgt wurde, sich durch einen Sprung über einen beladenen Heuwagen gerettet haben. Im Sprendlinger Stadtwappen ist dieses Ereignis festgehalten." Dieses Geschehen musste sehr bemerkenswert gewesen sein, denn bereits 1432 hieß es "Sprendlingen by dem Hirtzsprunge"Man hatte sogar zwei Steinsäulen zur Erinnerung an das Ereignis dort aufgestellt, die in alten Landkarten eingezeichnet sind. 

 

Erasmus Alberus, der Reformator der Dreieich, schreibt um 1630 in seiner Fabel "Von den Hasen":  "Wanndu fürn wald / Bis komen / sistu also bald/ Den Hirtzsprung zu der rechten hand / Man sagt in der Dreyeicher land / Ein Hirsch hab solchen sprung gethan / Für warheit helt solchs jedermann / Das sol vor Zeiten sein geschehn / Das wahrzeichen kann man noch sehn / zwen langer Stein seind dargestellt / Die stehn im Sprendlinger feldt ...". Johann Just  Winckelmann  berichtete 1697: "Hiezwischen (= Sprendlingen) und dem Wald nach Frankfurt stehen auf der linken hand der Landstraßen zwey aufgerichtete Steine ziemlich weit weg voneinander / bemerkende einen Sprung / welchen ein von Hunden verfolgter Hirsch über einen Wagen Heu gethan / und wird also der Hirsch-Sprung genannt / pflegt von den vorüber Reisenden besichtigt und gemessen zu werden.Der komplette Text der Fabel von Alberus ist

-->hier abrufbar.

 

Diese Legende wurde nicht nur von den Heimatkundlern der "Freunde Sprendlingens" kontrovers diskutiert: Warum sprang der Hirsch mit letzter Kraft über den Heuwagen und rannte nicht um ihn herum? Warum sollte er sich dabei gerettet haben, da die Jäger und Hunde ganz kommod einen Bogen um dem Wagen hätten machen können? Es wurden die unterschiedlichsten Theorien dazu erörtert. Ein weiteres Rätsel machte den "Freunden Sprendlingens" Kopfzerbrechen: Der älteste Beleg für den Hirsch im Sprendlinger Wappen ist ein Gerichtssiegel aus dem Jahr 1714. Bereits dort ist der Hirsch in einer sehr statischen Haltung auf einem Heuhaufen stehend und nicht im Sprung abgebildet. Auch das lange Zeit benutzte Gemeindewappen (rechts) zeigt keinen springenden Hirsch. Das passte alles nicht recht zusammen.

 

Mit einer Mail, welche die "Freunde Sprendlingens" im März 2013 aus den Niederlanden erhielten, löste sich das Rätsel. Henk Hovenkamp, ein Archivar einer niederländischen Großgemeinde, hat bei der Durchsicht eines Reisetagebuches aus dem Jahr 1610 eine sehr interessante Information gefunden. Das Dokument ist verfasst von Ernst Brink (1582 Durlach - 1649 Harderwijk), dem ehemaligen Bürgermeister von Harderwijk. Er reiste 1595 von Darmstadt nach Frankfurt. In seinem Reisetagebuch ist zu lesen: 

 

"Vor Frankfurt gepassiert durch ein gross walt, in welchem ich hab gesehen stehn 2. Steinen seulen, sehr weit von einander, den ort -Springling- heisst man den Hirschsprung, da ward ein hirsch verfolgt von der iäger, und seinde gar müd, sprang er auff ein hewwagen der da fürbey fahr, und werd also gefürt ein stuck wegs, da sprang er wider herunter, die eine seul steht da er auff sprang, die ander, da er herab sprang"  (Streekarchivariaat Noordwest-Veluwe, archief Stadsbestuur Harderwijk 1231-1813, inv.nr. 2048 folio 111).

Dieser Text ermöglicht eine relativ widerspruchsfreie neue Interpretation der Hirschsprung-Legende: Der Hirsch ist nicht
 über, sondern auf einen vorbeifahrenden Heuwagen gesprungen. Nachdem er ein Stück mitgefahren war, sprang er wieder herunter.

Die "Freunde Sprendlingens" stellen sich das Geschehen folgendermaßen vor: Ein Hirsch wird von Jägern und ihren Hunden gehetzt und verfolgt. Sie haben ihn fast erreicht. Dann springt der Hirsch mit allerletzter Kraftanstrengung auf einen vorbeifahrenden Heuwagen und bleibt oben stehen. Der Wagen fährt mit dem Hirsch "ein stuck wegs" weiter, bis die Hunde und die Jäger den Heuwagen umstellen. Die Jäger könnten den Hirsch auf dem Heuwagen töten, was sie offensichtlich nicht tun. Nach kurzer Zeit springt der Hirsch wieder vom Heuwagen herunter. Die Jäger hätten die Jagd sicherlich erfolgreich fortsetzen können; dann wäre
 allerdings die Hirschsprung-Saga ohne Happy-End ausgegangen. Vermutlich waren die Jäger von dem Sprung des Hirschs auf den Heuwagen so beeindruckt, dass sie ihn nicht weiterverfolgten und ihm sein Leben ließen. Das Bild des Hirschs auf dem fahrenden Heuwagen muss so eindrucksvoll gewesen sein, dass man am Ort des Geschehens die besagten Hirschsprung-Steine aufstellte. Vor diesem Hintergrund ergibt auch das Sprendlinger Stadtwappen einen Sinn: Dort ist ein Hirsch dargestellt, der oben auf einem Heuwagen steht und nicht über ihn springt.

 

Heimatkunde ist eine spannende Angelegenheit. Es tauchen immer einmal wieder Informationen auf, die etwas mehr Licht in die Geschichte unserer Heimatstadt bringen. Dieses Dokument aus dem niederländischen Archiv, das vorher nicht bekannt war, ist für die Lokalhistorie von Sprendlingen von außerordentlicher Bedeutung. Herrn Henk Hovenkamp, dem aufmerksamen Archivar, gebührt Dank und Anerkennung. 

 

Weitere Informationen zu den Hirschsprungsteinen:

Auf der Karte von 1635 (oben links) erkennt man beiderseits der Straße, die von Sprendlingen nach Norden führt, zwei Steine mit der Ortsangabe "Hirsch Sprunk". Erstaunlicherweise ist im rechts aufrufbaren Messtischblatt von 1934 (und in dem von 1887) ein "Hirschsprungstein" eingetragen. Er steht auf der westlichen Seite des "Hirschsprungweges". Eine Messung ergab, dass dieser Punkt auf dem Garagenhof nördlich der Tankstelle am Eingang der Wohnstadt Hirschsprung liegt. Etwas weiter östlich, auf der Grünanlage zwischen der Frankfurter Straße und den Garagen, steht die oben abgebildete "Ruhe" mit der Bronzeplatte. Der Hirschsprungweg existiert heute nicht mehr, nach dem Messtischblatt müsste die Friedrich Ebert-Straße die südliche Fortsetzung dieses Weges sein. Dieser Hirschsprungweg war offensichtlich vor der Anlage der Frankfurter Straße einer der Hauptverkehrswege nach Norden, Richtung Frankfurt. 

 

Im "Erzähler aus der Landschaft Dreieich" von 1881 ist zu lesen: ".. Dort soll einst bei einer Parforcejagd ein Hirsch über einen Wagen voll Heu gesprungen sein und ist der Platz jetzt noch durch einen am Weg stehenden, etwa zwei Fuß hohen Stein bezeichnet. Ehemals sollen dort zwei Steine gestanden haben. ...

Aber: Pfarrer Hermann Schmidt publizierte zwischen 1905 und 1913 eine Artikelserie in der "Allgemeinen Sprendlinger Volkszeitung". Er schlug darin vor, einen Ruheplatz und Erholungspunkt am Hirschsprungstein anzulegen. Diese Stelle lag  etwa 250 m westlich der jetzigen Frankfurter Straße an der alten Straße nach Frankfurt, etwas westlich hinter dem Wilhelmshof. Diese Aussage steht im Widerspruch zu der Ortsangabe im Messtischblatt von 1934 (ein Zeitpunkt, an dem der Stein allerdings schon längst zerschlagen war, s.u.) und den Angaben von Alberus und Winckelmann. Die Schlussfolgerung ist, dass der Stein irgendwann von der ursprünglichen Stelle an den Wilhelmshof verbracht worden ist. Der Wilhelmshof war ein Gutshof im Norden Sprendlingens. Das Hauptgebäude stand an der Frankfurter Straße. Zu ihm gehörte das heutige Gebiet der Wohnstadt Hirschsprung und das Industriegelände östlich der Frankfurter Straße.

In einer Publikation von Gerd Grein wird zitiert: "
 Der letzte der beiden Hirschsprungsteine lag jahrelang hinter dem Tor des Wilhelmshofes und ist etwa vor drei Jahren (= 1926) zerschlagen worden". Der östliche der beiden Steine muss vor 1881 verlorengegangen sein. Der westliche Stein ist zwischen 1881 und spätestens 1912 an den westlichen Ausgang des Wilhelmshofes versetzt worden, wo er 1926 zerstört wurde.