Sprendlinger Straßen und Personen

von Hans Obermann

Hans Obermann arbeitete lange Zeit als Lokalredakteur der Offenbach-Post. Daneben verfasste er lokalhistorische Bücher, schrieb heimatkundliche Theaterstücke und gründete die "Studiobühne Dreieich. Er ist Träger des Kulturpreises 1986 der Stadt Dreieich im Bereich Literatur. Hans Obermann veröffentlichte in der Offenbach-Post in den 1980er Jahren viele viele Artikel, die sich mit der Geschichte von Sprendlingen befassten. Arno Baumbusch hat diese Artikel gesammelt und abgeschrieben und z.T. leicht redigiert.

Inhalt

Die älteste Straße
Die Trift
Am Dorneichersee
Am Hergertsbaum
Christoph-Hellwig-Straße
Am Hirschsprung
Vogtei
Am Schwimmbad
Am Weihergarten und Am Herrnacker
Bäckerweg
Herrnroth
Kanonenstraße
Rostädter Straße
Eisenbahnstraße
Horst-Schmidt-Ring
Wingertstraße
Darmstädter Straße
Auf der Schulwiese
Hans Hunkel
Cornelia Pfaff
Heinrich Schmidt
Daniel Schmitt
Bussius de Amboysia
Johann Balthasar Spieß
Erasmus Alberus
Heinrich von Sprendlingen
Goethe und Sprendlingen
Schiller und Sprendlingen


Die älteste Straße

Der einzige Ort im heutigen Dreieich, der schon seit vielen Jahrhunderten an einer ordentlich ausgebauten Straße lag, war Sprendlingen. Schon während der Römerzeit führte eine römische Fernstraße von Frankfurt durch Sprendlingen über Darmstadt zur Bergstraße. Im späteren Mittelalter lief ebenfalls in Nord-Süd-Richtung die Darmstädter Geleitstraße von Frankfurt nach Ulm und Augsburg. Jahrhundertelang hieß diese Fernstraße „Die alte Straße“. 

Pläne von damals zeigen, dass in Neu-Isenburg die heutige Hugenottenallee und in Sprendlingen der Schäferpfad Reste jener Trasse waren, die als „Alte Straße“ wirklich eine der ältesten des Reiches war. Mit vielen Abweichungen dürfen wir uns den allgemeinen Verlauf der Bundesstraße 3 als ehemalige „Alte Straße“ vorstellen. Sprendlingen war also schon unter den Römern, im Mittelalter und bis in die Neuzeit an die große weite Welt angebunden. 

Und was hatte man davon? Fast nur Schaden und Elend. Denn diese Fernstraße benutzten ja nicht nur die Wagenkolonnen mit Waren zur Frankfurter Messe. Die Alte Straße und die spätere Darmstädter-Chaussee brachten immer den Krieg geradewegs nach Sprendlingen: Im 30jährigen Krieg die Söldner der Feldzüge von 1631/32, während der Französischen Revolutionskriege (1799/1800) den Kurmainzer Landsturm, der Frankfurt stürmen sollte; im österreichischen Erbfolgekrieg 1756 bis 1763 die französischen Truppen, die Sprendlingen als Durchmarschgebiet nutzten; im Siebenjährigen Krieg wieder die Franzosen, die in Sprendlingen Quartier nahmen; von den An- und Abmärschen während des Zweiten Weltkrieges ganz zu schweigen. 

Apropos Messefuhren nach Frankfurt – für unser Sprendlingen, den Westkreis Offenbach und die einstige Residenz Offenbach kann man da nur sagen: Außer Spesen nichts gewesen. Zwar war das Gebiet samt der Hauptstraße durch Sprendlingen eine „Drehscheibe Europas“ geworden, aber Nutznießer war nur die Reichsstadt Frankfurt, in der alle wichtigen Straßen zusammenliefen. Nach Offenbach führte mal gerade eine schmale Nebenstraße von Neu-Isenburg. Im Fürstentum Isenburg-Birstein gab es weder Großhändler, Frachtfuhrleute noch Poststationen. Erst sehr spät wurde in Langen eine Posthalterei aufgemacht. Die brachte die Reisenden und Pakete – nicht nach Offenbach – sondern natürlich nach Frankfurt.   

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Die Trift

Da kam ich nun vor rund 26 Jahren (1961) aus meinem lieben Sachsen ins schöne Hessen. Die erste Nacht verbrachte ich höchst provisorisch in einem hessischen Bett, und die besorgte Hauswirtin reichte mir, als ich erklärte es sei ein bisschen kalt, eine „Kolter“. Ich habe wohl einige Wochen gebraucht, bis mir klar war, dass die Hessen damit eine Decke, ein warmes Polster meinen. Seitdem forschte ich nach der Bedeutung mir unbekannter Begriffe. In Sprendlingen und Umgebung machte ich Bekanntschaft mit einer Menge Leute, die beispielsweise Schuchardt, Schuchert oder so heißen. Heute weiß ich:  Schuchart, Schuchwart, Schuchmann = Schuhmacher.

Vor allem die Huberts, Hübners, Huferts, hatten es mir angetan. Da las ich nun eines Tages, das im Jahre 1338 31 Orte und Höfe ihre „Hübner“ nach Langen sandten, um dort auf einem „Hübnergericht“ die Grenzen Wildbannforstes Dreieich im Beisein des Königs Ludwig des Bayern zu beschwören. Das Gebiet war in Huben aufgegliedert. Ich forschte nach: Hufe oder Hube war landwirtschaftliches Sondereigentum an Grund und Boden, meist 30 Morgen groß. Dem Gebietsherren musste dafür Hubzins entrichtet werden; da damals Naturalwirtschaft herrschte, handelte es sich meist um Hubholz oder Hubkorn. Alles, was mit den Huben zusammenhing, wurde auf dem Hubgericht (Hofgericht) des Territorialherrn geregelt. Die Hüfner oder Hubhöfler oder auch Hübner waren also die ersten mittelalterlichen Grundbesitzer in Dreieich. 

Weil wir gerade beim Auseinanderbröseln von alten Begriffen sind: Hainer Trift, An der Trift: Natürlich erkennt jeder, dass es sich um Treiben, Viehtreiben, Auftrieb des Viehs zur Weide handelt. So hatten die Sprendlinger ein „Triftrecht“ für den Heusenstammer Wald, also das Recht zur Beweidung. Dafür mussten sie Triftgeld, im Falle, dass sie kein Geld hatten, einige Trifthammel, also Schafe, abgeben. Wehe dem, der den Triftstein übertriftete: Er trieb sein Vieh über den Grenzstein des Weiderechts und machte sich des „Übertriebs“ schuldig, trieb das Vieh über fremdes Gelände. 

Damit vor uns lauter Trift der Kopf nicht schwindelig wird, hier noch ein Spaß: Unweit Sprendlingens, wohl schon auf der Neu-Isenburger Gemarkung, kam mir der Begriff „Baßgeigs-Wiesen“ unter. Ich sehe die hessischen Bäuerlein vor mir,  denen eines Tages erzählt wurde, eine Madame Pasquay, später Hofrätin Malerte aus Frankfurt, habe ein großes Wiesengelände erworben. Fangen sie als Hesse mal was mit „Pasquay“ an! Das wurden die „Basgaiswiesen“, später die „Baßgeigswiesen“. Was ein richtiger Hesse ist, der macht sich auf alles seinen eigenen Reim. 

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Am Dorneichersee

Eine der kleinsten und am schwierigsten aufzuspürenden Straßen in Dreieich liegt im Stadtteil Sprendlingen und heißt „Am Dorneichersee“. Diese Straße findet man nur, wenn man von der Hegelstraße im Norden in den Schlesienweg Richtung Wald abbiegt und nach einigen Dutzend Schritten in die Leibnitzstraße abzweigt. Nach etwa 50 Metern steht man dann vor der Einmündung „Am Dorneichersee“.

Bei diesem Namen macht es direkt Spaß, die Spuren seiner Schreibweise bis tief in die Geschichte zu verfolgen. Da wird einem schnell klar, dass der See nichts mit Eichen zu tun hatte, sondern vielmehr mit dem Wort dornig. Im Jahre 1494 taucht dort ein „Dornichten sehe“ auf, von dem 1501 beschrieben wird: „umb den dornnachten sehe“; 1516 wird es schon verständlicher: „Am Dornichten Siehe“; 1605: „Tornesen See“.

Eine Erklärung finden wir im Jahre 1593, wo irgendeine Grenzlinie „durch den dornechten  Sehe“ führt, und: „das ist das Gebück, welches erst vor etlichen dreißig Jahren  (um 1560) ist gehauen und gemacht worden“. Schon einmal wurde an dieser Stelle, Dreieichenhain betreffend, die Straße „Am Gebück“ besprochen. Von daher wissen wir: Ein Gebück ist ein aus Dornenhecken eng ineinander verwachsenes Hindernis. Und nun schlussfolgern wir, dass die Straße „Am Dorneichersee“ an einen von dichtem Dornengestrüpp umgebenen, ehemaligen See erinnert. Diejenigen, die dort bauten, müssen sich noch an eine sehr feuchte Vertiefung erinnern können; letzte Spuren des einstigen Sees.      

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Am Hergertsbaum

Beim Bau des Wohngebietes um den Horst-Schmidt-Ring im Osten Sprendlingens entstand auch die kleine Straße „Am Hergertsbaum“. Der Name geht auf die Zeit der frühesten mittelalterlichen Rodungen zurück und gehört zur „Urfeldmark“ Sprendlingens. Die Namensgebung ist ein Beispiel für häufige mundartliche Verwandlung und „Verunstaltung“. 

Zunächst (bis ins  Jahr 1566) hießen der Weg und die benannte Stelle „Am Herrgottsbaum“. Die Heimatforscher meinen, dass es sich dabei um einen markanten Baum handelte, der in der vorreformatorischen Zeit in der Nähe eines Kruzifixes oder einem Heiligenbild stand. Herrgottsbäume, die es in vielen Orten gibt, deuten auf einen uralten Baumkult hin, der später von christlichen Motiven und Namensgebungen umfunktioniert wurde. Aus dem frühen Mittelalter kannte man für Herrgotts- (Hergerts-) Baum auch die Bezeichnung „Härjertsbaam“ und „Hälljesbaam“. 

Es gab einst auch einen „Hergertsbaumerweg“ in Sprendlingen – er führte am Herrgottsbaum vorbei und war Teilstück einer direkten Verbindung nach Offenbach-Bieber. Dieser „Herrgertsbaumerweg“ ist unter anderem Namen eine sogar heute noch wichtige Außenverbindung im Naherholungsbereich von Dreieich. Da der Weg auch durch den Waldbereich „Herrnroth“ führte, nahm er allmählich diesen Namen an und wurde bereits 1829 Herrnröther Weg genannt.      

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Christoph-Hellwig-Straße

Vom historischen Sprendlinger Lindenplatz zweigt die Christoph-Hellwig-Straße ab. Ob jene, die sich diesen Namen ausdachten, wohl wussten, dass zwei Christoph Hellwigs in Sprendlingen ihre Spuren hinterlassen haben? Es handelt sich um Vater und Sohn. 

Vater Christoph Hellwig zu einer Zeit, da es erbitterte Auseinandersetzungen um den rechten Glauben gab. Hellwig war sehr bemüht, das von seinem Vorvorgänger Erasmus Alber (Pfarrer in Sprendlingen von 1527 bis 1538) eingeführte lutherische Bekenntnis wachzuhalten. Doch dabei hatte er es nicht leicht, denn Ende des 16. Jahrhunderts entbrannte innerhalb der Reformationsbewegung ein heftiger Religionsstreit zwischen den Isenburger Grafen. Der eine war ein entschiedener Anhänger Luthers und suchte die Ausübung des aus der Schweiz gekommenen reformierten Bekenntnisses zu unterdrücken. Der andere machte den Verfechtern der Lutherischen Lehre das Leben schwer. Das war die Zeit, als Pfarrer sogar unter militärischem Schutz zur Kanzel geleitet werden mussten. 

Dem Pfarrer Christoph Hellwig wurde im Dezember 1581 ein Sohn geboren. Er bekam ebenfalls den Namen Christoph und entpuppte sich schon in seiner Kindheit als Genie. Als 13jähriger besuchte er die Universität Marburg, mit 14 wurde ihm das Bakkalaureat (unterster akademischer Grad) verliehen. Christoph Hellwig jun. soll schon in früher Jugend mehrere Sprachen fließend beherrscht haben. Als 18jähriger erwarb er die Magisterwürde, als 29jähriger wurde er zum Professor der Theologie und der hebräischen Sprache an der Universität Gießen ernannt. Die Stadt Augsburg heuerte ihn an, um das Schulwesen zu reformieren. Auf einem Kupferstich von damals wird er als “Zierde des Vaterlandes“ gerühmt. Der große Gelehrte starb sehr früh, im Alter von 36 Jahren.      

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Am Hirschsprung

Wenn es eine Steigerung für historisch gäbe, dann wäre für Sprendlingen der Name „Am Hirschsprung“ der historischste. Wir kennen im Norden von Sprendlingen die Wohnstadt Hirschsprung. Dieser Siedlung nach Süden hin etwas vorgelagert ist die Straße „Am Hirschsprung“. Schon im Jahre 1432 kannten die Leute „Sprendlingen by dem Hirtzsprunge“, und 1730 hieß es „am Hirschsprung“. Als genauere Ortsbezeichnung für das Dorf Sprendlingen dienten damals zwei sogenannte Hirschsprungsteine. Die kartografische Signatur von einem der beiden Steine war bis in die ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts sogar noch in den Messtischblättern eingetragen. Dieser Stein lag jahrelang am Gutstor des Wilhelmshofes und wurde 1926 zerschlagen.

In seiner Fabel „Von den Hasen“ schrieb Reformator Erasmus Alberus: „… wann du fürn Wald bis komen, sihstu alsobald den Hirtzsprung zu der rechten Hand. Man sagt in der Dreyeicher land, ein Hirsch hab solchen sprung gethan. Für warheit helt solchs jedermann. Das sol vor Zeiten sein geschehn. Das wahrzeichen kan man noch sehn, zwen langer Stein seind dargestellt. Die stehn im Sprendlinger feldt“. 

Zwei Steine sollen also an den Hirschsprung erinnert haben. Bei der Deutung dieses Hirschsprungs scheiden sich die Geister: Die einen meinen, es handele sich um den Sprung eines gejagten Hirsches über einen Heuwagen, wodurch sich das Tier vor seinen Jägern in Sicherheit brachte. Die anderen glauben, dieser Hirschsprung sei ein schräger Erdaufwurf gewesen, der den Hirschen den Einsprung in einen umhegten Waldbezirk ermöglicht hat.  Was wir genau wissen, ist: Dem Hirsch hat Sprendlingen sein Wappen zu verdanken. Und als Sprendlingen in der Stadt Dreieich aufging, durfte es seinen Hirsch ins neue Wappen mitnehmen.

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Vogtei

Wir haben eine Straße „Vogtei“, ein Gasthaus „Zur Vogtei“, bloß was es mit dieser Vogtei auf sich hat, wissen die wenigsten. Bürger; die aus großen Städten Deutschlands hierher übersiedelt sind und nun statt „Berliner“ oder „Frankfurter“ „nur noch“ Dreieicher laut Personalausweis sind, wissen ja gar nicht, in was für ein historische interessantes Nest sie da hineingeraten sind! Das Vogteigericht, von dem hier die Rede ist, stellt eine einsame Kuriosität dar. Es war ein „Nebengericht“, ein Konkurrenzgericht“, neben und unabhängig von der herrschenden Gerichtsgewalt des Landesherren der Dreieich. Im 15. Jahrhundert hatten die Grafen Isenburg auch in Sprendlingen die Gerichtsgewalt – bis hin zum Köpfen, falls dies nötig gewesen wäre.  

Aber zur gleichen Zeit gab es im Dorf dieses vermaledeite Vogteigericht, dessen Inhaber die Grafen von Katzenelnbogen waren. Diese gaben es 1477 dem Mainzer Richter Hans von Sorgenloch  –  genannt Gensfleisch  –  zum Lehen. Von ihm wissen wir also, dass er Richter des Sprendlinger Vogteigerichtes war. Der in Büdingen und später in Offenbach residierende Graf Isenburg wurde wahnsinnig vor Ärger! Aber er konnte nichts daran ändern, dass da mitten in seinem Dorfe Sprendlingen ein Mainzer Richter zusätzlich einen Vogtei-Schultheiß einsetzte und dass viermal im Jahr der Vogteirichter alle männlichen Bewohner des Dorfes zum Gerichtstag unter die alte Linde, auf dem heutigen Lindenplatz mit „junger Linde“, befahl. Es gab sieben Gerichtsschöffen, und vor ihnen und dem Richter mussten sich Leute, die unangenehm aufgefallen waren, verantworten. 

Das Vogteigericht war ein „Bagatellgericht“, ahndete Schlägereien im Wirtshaus, das Panschen von Wein, Saufereien während der Gottesdienstzeit, eheliche Kräche, die nach außen drangen und ähnliches. Geldbußen oder die Abgabe von Wein waren die Strafen. Zugleich war das Vogteigericht ein Straßengericht der Reichsstraße Frankfurt – Darmstadt, beginnend bei der „Steinkaute von Frankfurt“, endend bei Bayerseich. Hans von Sorgenloch ließ 1478 ein Weisbuch schreiben, das Rechte und Pflichten des Vogtes fixierte. Darin waren auch  die Zuständigkeiten zwischen dem Vogteigericht und den Rechtspflegeaufgaben der Landesherrschaft geregelt. Aber immer gab es „Grenzfälle“, Übertretungen, Streitereien. Erst im Jahre 1711 übertrugen die Landgrafen von Hessen als Rechtsnachfolger der Herren von Katzenelnbogen das Vogteigericht an die Isenburger. 

Zweifache Gerichtsbarkeit in einem kleinen Dorf, das gab es sonst nie!

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Am Schwimmbad

Natürlich ist es logisch, dass der asphaltierte Weg am Parkschwimmbad vorbei den Namen „Am Schwimmbad“ trägt. Aber dieser Name gibt Gelegenheit, über frühere Sprendlinger Badefreuden nachzudenken. 

Vom Jahre 1892 an war das Dörfchen Sprendlingen weit und breit berühmt, weil es als einzige Gemeinde im weiten Umfeld eine richtige Badeanstalt hatte. Am Weiher der Theisenmühle betrieb damals ein Privatmann ein Freibad – mit Einzäunung, Sprungbrett und Umkleidekabine, gegen Entgelt natürlich. Diese Stätte dörflichen Badevergnügens bestand bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Danach  lief die Dorfjugend zu einer stillgelegten Lehmgrube der einstigen Ziegelei Krämer, die in den Baierhansenwiesen lag. Aber die größte Freude machte es den Kindern, wenn sie auf den Dorfstraßen „baden“ konnten. Das war in der glutvollen Sommerzeit, wenn vom Rathaushof das Pferdegespann mit dem „Gießfaß“ kam, also mit dem Sprengwagen. 

Schließlich verwandelte der Frankfurter Fabrikant Dr. G. Mössinger auf seinem Besitz „Mariahall“ im Jahre 1926 die Reithalle in ein Badehaus mit Dusch- und Wannenbädern. Das war für die Sprendlinger Haushalte, deren sanitärer Standard häufig nur aus einem Wasserhahn in den Wohnungen und dem „Plumsklo“ außerhalb des Hauses bestand, ein einzigartiger Luxus. Einige Jahrzehnte war die Badeanstalt „Mariahall“ das „Mekka des Wohlbefindens“. Im selben Jahr gab es in der Gemeinde eine Art „Bürgerkrieg“. Mössinger wollte sein gesamtes Anwesen für 175 000 Mark verkaufen. Der in die Zukunft blickende Bürgermeister Georg Dreieicher setzte aber gegen viele Widerstände durch, dass Sprendlingen das Gelände erwarb. Quer durch die Familien ging die Streitfrage: Wozu das viele Geld ausgeben? Doch am 19. Juni 1927 weihte dann das ganze Dorf das aus eigener Kraft geschaffene Parkschwimmbad ein.

Mehrere Tage veranstaltete die Gemeinde unter Beteiligung der gesamten Einwohnerschaft auf dem Freibadgelände ein Eröffnungs-Volksfest. Heute 70- und 80jährige Sprendlinger erinnern sich noch gerne des Festes. Dort wurde übrigens in einer großen Gemeinschaftsleistung später auch Schillers Schauspiel „Wilhelm Tell“  von Sprendlinger Talenten aufgeführt.  

Es gehört zu den Kuriositäten damaliger Preisbildung, dass die Eintrittskarten für Erwachsene und Schulkinder 25 beziehungsweise 15 Pfennig kosteten. Wer jedoch mit dem Fahrrad oder gar mit dem Motorrad kam, musste an „Aufbewahrungsgebühr“ 15 oder 50 Pfennig bezahlen. Wer, was damals durchaus üblich war, keine Schwimmbekleidung besaß, konnte eine Badehose oder ein Badetrikot für 25 Pfennig leihen; aber man musste eine beziehungsweise zwei Mark als Pfand hinterlegen. Die Straße „Am Schwimmbad“ könnte über die vergangenen 60 Jahre eine Menge erzählen.

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Am Weihergarten und Am Herrnacker

Bereits im Jahre 1730 kannte man den Begriff “Auf den Weyer Gartten“, wobei uns die Verdoppelung der Buchstaben schmunzelnd die Großzügigkeit damaliger „Rechtschreibung“ vor Augen führt. Will 
man heute die Straße „Am Weihergarten“ finden, muss man sich in das neue  Sprendlinger Wohngebiet östlich der B 46 begeben. Dort zweigt vom Horst-Schmidt-Ring eine Reihe kleiner Straßen ab, deren Namen von früheren Flur- und Gemarkungsbezeichnungen abgeleitet worden sind. Also: „Am Weihergarten“ erinnert an ein Flurstück, das einst an die Pfarrwiese angrenzte. Diese Wiese gehörte vor 1712 zur Woogwiese. Es wird vermutet, dass auch der Weihergarten früher ein Teil der Woogwiese war. Woog aber war der alte Begriff für gestautes Wasser oder Teich. Und richtig, die Weiherwiesen erhielten ihren Namen nach einem bereits im 16. Jahrhundert erwähnten Fischweiher in der Woogwiese.

Weil wir aber gerade dieses Gebiet streifen, sollte auch die unweit gelegene Straße „Am Herrnacker“ erläutert werden: Diesen Herrnacker müsste man historisch eigentlich „Nardesgarten“ nennen. Nardes ist die Verstümmelung einer Lateinisierung der Familiennamen Lenhardt oder Leonhardt, also „Leonardus“. Lenhardt oder Leonhardt waren frühe Sprendlinger Familiennamen (Lenhardts Mühle), die sich um 1860 nach Götzenhain verbreiteten. Tiefschürfende Sprachkundler wollten den „Nardesgarten“ aus dem Althochdeutschen „nar-do“, eine wohlriechende Pflanze, aus der man heilkräftige Salben und Öle gewinnen kann. Aber dann wäre das Flurstück ein Nardengarten gewesen. Nardes weist aber einwandfrei darauf hin, dass es eben der Garten vom Leonardus, einem Leonhardt gewesen ist.    

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Bäckerweg

Die Freiherr-vom-Stein-Straße und die Straße „Am Wilhelmshof“ in Sprendlingen sind durch den Bäckerweg verbunden. Er erinnert an eine direkte Verbindung zwischen Sprendlingen und Offenbach, die einst in frühester Morgenstunde von den Sprendlinger Bäckern benutzt wurde, um frische Ware in die „Residenzstadt“ zu bringen. Im Jahre 1598 sagte man „der beckerweg oder die understraß“. Die Bezeichnung „Unterstraße“ erhielt der Weg, um seine zweitrangige Stellung gegenüber der Offenbacher Straße, der heutigen B 46 zu unterstreichen. Die Taunusstraße in Neu-Isenburg war damals die Fortsetzung des Bäckerweges.  

Der kleine Sprendlinger Bäckerweg mündet in die größere Straße „Am Schäferpfad“, über die sich auch etwas erzählen lässt. Zwischen Sprendlingen und Neu-Isenburg lag früher der Dörrhof. Bereits im 14. und 15. Jahrhundert, der zweiten Rodungs- und Namensperiode im Sprendlinger Raum, kannte man eine Feldbezeichnung „Längs dem Schäffer Pfad“. Der Schäferpfad führte zur Schäferei Dörrhof, die ihren Namen von einem nahegelegenen Hofgut hatte. Die Schäferei, nordöstlich vom Gut gelegen, wurde im Jahre 1828 aufgelöst. Der nördliche Teil des Schäferpfades wurde vor Zeiten auch „Lange Furche“ einst mit der Linienführung der römischen Bergstraße von Frankfurt nach Heidelberg.

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Herrnroth

Herrnröther Straße, Herrnröther Weg, Herrnroth : Das alles sind Namen, denen man im Osten von Sprendlingen begegnet. Der oder das Herrnroth erinnert an frühfeudale Besitzverhältnisse in unserer Heimat. Der östlich des Industriegebiets liegende Forst hieß Sprendlinger Wald. Ein Stück dieses Waldes ließ die über das Gebiet verfügende Herrschaft schon vor dem Jahre 1499 roden. Das war dann das gerodete Land der Herrschaft, das Herrnroth („Ame hern roit“). 

Am Beispiel Herrnroth wird gut deutlich, wie sich eine Ortsbezeichnung wandeln kann, wenn sie im Laufe der Jahrhunderte von Ohr zu Ohr wandert. Im Jahre 1501 wurde aus „hern roit“ in Verkennung des Zusammenhanges das Wort „Im haynerroide“. Und man fragte sich, Wieso das Städtchen Hain drüben im „Sprendlingerischen“ gerodetes Land haben sollte. Bereits im Jahr 1499 tauchte die Bezeichnung „Im Herrenroide oder im bucherspfade“ auf. Nun wird der Heimatforscher hellwach: „bucherspfade“ hat standortmäßig und wortgemäß eine Sinnverbindung zu Buchenbusch, der südlichsten Wohnsiedlung von Neu-Isenburg. Tatsächlich zog sich das Waldgebiet Herrnroth in diese Richtung, und der frühe Name wurde von dem reichen Buchenbestand abgeleitet.   

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Kanonenstraße

Die Kanonenstraße war im vergangenen Jahrhundert die am nördlichsten gelegene Ortsstraße im kleinen Sprendlingen. Dahinter, also dort, wo heute Seiler-, Elisabethen- und andere Straßen liegen, waren Felder, Baumgärten und Wiesen.

Die Kanonenstraße erinnert an Bismarcks Politik, mit der er die deutsche Einheit unter dem Führungsanspruch Preußens durchsetzte. Bekanntlich begann das im Jahr 1864  mit der Befreiung des Herzogtums Schleswig aus dänischer Herrschaft durch Armeen der damals verbündeten Preußen und Österreicher. Nach dem Sieg gerieten sich Preußen und Österreich wegen der Vorherrschaft über Schleswig und Holstein in die Wolle. Dahinter stand der latente Streit zwischen Preußen und Österreich, wer in Deutschland das Sagen habe.

Die Preußen kämpften nun gegen die Bundesgenossen Österreich, Hannover, Kurhessen und Sachsen. Weil Sprendlingen an der bedeutendsten Nord-Süd-Heeresstraße – die heutige B 3 – lag, war das Dörfchen jedem Durchmarsch, jeder Requirierung und ständigen Einquartierungen ausgesetzt. Und jetzt die Erklärung: Dort, wo heute die Kanonenstraße entlangführt, war für mehrere Tage der Artilleriepark des Bundeskorps aufgebaut. Als die Truppen weiter zogen, blieben einige kampfunfähige kleinere Geschütze mit zerstörten Lafetten liegen. An diese Kanonen erinnert die Kanonenstraße.

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Rostädter Straße

Eines der wenigen Naherholungsgebiete mit Kleingärten, Wiesen und Feldern, das im Raum Sprendlingen noch viele Spaziergänger anzieht, ist die „Rostadt“; der gut ausgebaute Weg, der von der Theodor-Heuss-Straße auf die „Hainer Trift“ und den Weg „An der Lettkaut“ führt, heißt „Rostädter Straße“.

Die Bezeichnung führt ins tiefste Mittelalter zurück. Schon aus dem Jahr 834 gibt es zuverlässige Kunde von einer „Rosseshart“, aus der 1401 „Roshart“, 1428 „Russhart, 1449 „Rossert“, 1553 „Roschert“ und 1680 „Roßstadt“ wurde. Im Mittelhochdeutschen war „ros“ ein Roß (Pferd). Hart oder auch Haart war der Wald, So nehmen die Forscher an, dass dort im Mittelalter ein Wald war, in dem Wildpferde gehalten wurden.

Der tatsächlich vorhandene Wald wurde ab dem 15. Jahrhundert Zug um Zug gerodet und für die wachsende Sprendlinger Dorfgemeinschaft in Ackerparzellen verwandelt. Ein Teil der Gewanne blieb noch lange Wald. Aus dem Erlös gefällter Bäume wurde dem Hainer Spital ein Zins bezahlt. In dieses von Anna von Falkenstein gestiftete Spital wurden nicht nur Hainer, sondern alle armen Kranken aus den Dörfern versorgt, die den Falkensteinern unterstanden.

Warum sich die Schreibweise solcher Flurnamen quer durch die Jahrhunderte so oft änderte? Ganz einfach: die Leute konnten weder lesen noch schreiben, erfassten alles mit dem Gehör. Und so, wie es dann nach Gehör überliefert wurde, schrieben es die paar Schreibkundigen in die Akten. 

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Eisenbahnstraße

Eine wichtige Straße, die von Sprendlingens Mitte in westlicher Richtung nach Buchschlag abzweigt, trägt den Namen Eisenbahnstraße. Diese Namensgebung ist nicht verwunderlich. Die Eisenbahnstraße, eine Einbahnstraße, führt zum einen zum Bahnhof Buchschlag der Main-Neckar-Bahn und zum anderen zur Bahnstation Sprendlingen der Dreieich-/Rodgau-Bahn.

Hinter der Bezeichnung Eisenbahnstraße verbirgt sich ein Stück Sprendlinger Geschichte, das an einen Schildbürgerstreich erinnert. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts verkündete die Großherzogliche Regierung, sie wolle eine Bahnlinie bauen, die Frankfurt und Mannheim verbindet. Diese Ankündigung wurde zunächst begrüßt. Als die Regierung aber erklärte, das vorgesehene Gelände für den Bau der Bahnlinie sei „gemeindeseitig“ und müsse somit kosten- und lastenfrei zur Verfügung gestellt werden, regte sich Widerstand.

Besonders im Sprendlinger Gemeinderat, der sich damals überwiegend aus Bauern zusammensetzte, erhitzten sich die Gemüter. Wir geben keinen Meter kostbaren Boden ab, Wir brauchen keine Eisenbahn, wir lassen uns durch so ein Dampfungeheuer nicht unser weidendes Vieh wild und toll machen. Also führte man die Bahnlinie in einiger Entfernung an Sprendlingen vorbei – durch den Staatsforst Mitteldick und die Gemarkung Langen. Die Langener waren schlauer, denn sie gaben dankbar das geforderte Bauland kostenlos ab. Mitten in der Wildnis, wo heute der Buchschläger Bahnhof ist, wurde eine Haltestelle eingerichtet . Die „dummen“ Sprendlinger mussten brav zu dieser Station laufen, wenn sie mit der Bahn nach Frankfurt oder Darmstadt wollten.

Nach einigen Monaten rappelten sich die Sprendlinger auf: Dreimal täglich befuhr ein Pferdewagen die Strecke. Damit konnten etwa sechs Personen und die Postsachen vom Dorf zur Bahnstation und zurück gebracht werden. Erst 1882 entstand dort ein richtiges Stationsgebäude. Vorher hatten einige alte Eisenbahnwagen als Wartesäle gedient. Aus dem unbefestigten Weg zum Bahnhof wurde schließlich die Eisenbahnstraße.

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Horst-Schmidt-Ring

An einen großen Sozialdemokraten erinnert der Horst-Schmidt-Ring im Sprendlinger Wohngebiet östlich der Offenbacher Straße. Dr. Horst Schmidt war die herausragende sozialdemokratische Führungskraft unseres Raumes in der Nachkriegszeit. Der damalige hessische Staatsminister für Soziales, Arbeit und Sport, Dr. Horst Schmidt, kam im Oktober 1976 bei einem Verkehrsunfall auf der Autobahn nahe Neu-Isenburg ums Leben. Die Umstände, unter denen der der SPD-Politiker aus Sprendlingen als 51jähriger den Tod fand, sind symbolhaft für sein Leben und Schaffen, seine humanitäre Gesinnung: Er starb, als er einem Schwerverletzten Erste Hilfe leisten wollte.

Dr. Horst Schmidt, der 1956 Vorsitzender des SPD-Ortsvereins wurde, 1960 das Amt des Stadtverordnetenvorstehers übernahm, 1961 zum Bundestagsabgeordneten gewählt wurde und von 1969 bis zu seinem Tode hessischer Sozialminister war, lebte für die Menschen dieser Stadt, dieses Landes. Er war ein gütiger, hilfsbereiter Mensch, der immer ein offenes Ohr hatte für die Schwachen in unserer Gesellschaft. Als Mitglied der Landesregierung trug er wesentlich dazu bei, das soziale Netz enger zu knüpfen.

Als Privatmann war Dr. Schmidt stolzer Besitzer einer stattlichen Bibliothek mit Kriminalromanen, bei deren Lektüre er Entspannung suchte. Ein noch größeres Hobby war die Musik: Er sammelte Schallplatten mit internationaler Marschmusik. Als Politiker schrieb Dr. Schmidt im Jahr 1975 ein Buch mit dem Titel „Auf dem Weg zur nationalen Gesellschaft“. Viele seiner Ziele hat er nicht mehr verwirklichen können.

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Wingertstraße

An die einstigen Weingärten von Sprendlingen erinnert die Wingertstraße. Die Sprendlinger waren bis ins letzte Drittel des 18. Jahrhunderts weinanbauende Bauern. Die Wingertstraße, sie verläuft parallel zur Frankfurter Straße, führte früher ins Wingertfeld, also in die dörflichen Weingärten. Bereits aus dem Jahre 1566 kennen wir eine Bezeichnung „zwischen den weingarten“. Draußen auf dem Wingertfeld standen Stock an Stock die Weinreben. Neben diesem Hauptanbaugelände für Wein gab es noch den „Herrnwingert“ vor dem Südwesthang des Bornwaldes.

Die Sprendlinger kelterten im Mittelalter viel und durchaus trinkbaren Wein. Das Vogteiweistum des Vogtes Hans von Sörgenloch enthielt schon im Jahre 1478 das Gebot, dass jeder Einwohner, der zur Kirchweih Wein zum Ausschank brachte, dem Vogt „von jedem Boden ein Viertel Wein“ geben musste. Der erste starke Rückgang des Weinbaus ergab sich aus den Verwüstungen durch die Söldner des Dreißigjährigen Krieges. Als das kleine Sprendlingen etwa um 1690 wieder zu „existieren“ begann, wurden erneut viele Weingärten angelegt.

Keine Hundert Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg, während des österreichischem Erbfolgekrieges, wurden die Sprendlinger Wingerte noch einmal verwüstet: Im Juli 1745 biwakierten in den Weingärten 4 500 französische Soldaten, zusätzlich noch ungarische Pandurenreiter unter dem Kommando des Prinzen Conty. Nach dem Abzug dieser Armee war dort wiederum alles zerstört.

War es die Konkurrenz durch bessere Weine aus anderen Landschaften? War es eine deutliche Veränderung der klimatischen Bedingungen? Jedenfalls gaben die Sprendlinger Bauern gegen Ende des 18. Jahrhunderts den Weinanbau auf und verwandelten die Wein in riesige Obstbaum-Gärten. Dazu noch eine Erklärung: Die Bangertsgasse erinnert an die „Bangerte“, die Baumgärten.

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Darmstädter Straße

Natürlich führt die Darmstädter Straße, Teil der innerörtlichen Bundesstraße 3 in Sprendlingen, Richtung Darmstadt. Aber dies ist nicht das historisch Interessante an ihr. Dieser Straßenabschnitt in Richtung Langen wurde zwischen 1785 und 1795 als Chaussee angelegt und ersetzt die „Alte Straße“. Diese aber ist eine der ältesten und geschichtsträchtigsten Straßen Deutschlands.

Die Alte Straße war eine bereits zu römischer Zeit benutzte Fahrstraße, die von der Sachsenhäuser Warte in jene Richtung führte, in die heute in Neu-Isenburg die Hugenottenallee führt. Sie verlief weiter über den heutigen Schäferpfad in Sprendlingen, quer durch den Ort, auf jene Trasse, die heute als Darmstädter Straße bekannt ist. Aus Frankfurt, übrigens durch den Stadtwald führend, wurde die Straße im Mittelalter zur wichtigen Geleitstraße nach Darmstadt, Ulm und Augsburg. Sie war von allen Straßen in nordsüdlicher Richtung die älteste und bedeutsamste. Aber um 1700 und später hatte sie als „Poststraße“ wegen ihres schlechten Zustandes einen so üblen Ruf, dass sie, grundlegend erneuert werden musste.

Wenn man nun aber weiß, dass diese durch Sprendlingen führende Hauptverbindungsstraße natürlich auch der wichtigste Marsch- und Transportweg für die ununterbrochen stattfindenden Kriege und Heeresbewegungen war, so ist leicht nachzuvollziehen, wie dieses arme Bauerndörfchen unaufhörlich durch Verwüstungen, Truppeneinquartierungen, Plünderungen und Kriegskontributionen gebeutelt worden ist.

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Auf der Schulwiese

 Am weitesten nach Osten in der Sprendlinger Feldgemarkung hinein  ragt die Straße „Auf der Schulwiese“. Mit dieser Straße sind viele Erinnerungen, historische und kommunalpolitische, verbunden. In früheren Jahrhunderten war es um die von Kirche und Standesherrschaft eingesetzten Schulmeister finanziell schlecht bestellt. In manchen Dörfern mussten sie sich von den Bauern zu Tisch einladen lassen und erhielten außerdem an Feuerholz, Mehl und „Gespinst“, also Stoff für Kleidung, eine Art Deputat. 

In Sprendlingen wurde dies im 17. und 18. Jahrhundert zum Teil so geregelt, dass mit der Stellung des Lehrers ein Schulgut verbunden war. Es handelt sich dabei um einige Äcker und Wiesen, damit der Lehrer Getreide und Kartoffeln anbauen und sich Schweine sowie eine Kuh halten konnte. So gab es bereits im späten 17. Jahrhundert ein Schulwiesengewann als Teil des Schulgutes. Im Jahr 1730 heißt es über diesen Sprendlinger Feldbezirk in den Urkunden: „Die gemeinschaftlichen Schulwießen oder Acker, welchselbe Gnädigste Herrschaft zur Schul frey und ohn Beschwährung zu ewigen Tagen gegeben, halten 6 Morgen, 3 Viertel, 1 Ruthe, 3 Schuh“. 

Doch nun zurr Siedlung „Auf der Schulwiese“:  In den Jahren nach 1933 verbreiteten die Nazis in Sprendlingen die Lüge, die Siedlungen „Am Wilhelmshof“ und „Auf der Schulwiese“ erfunden zu haben. Die Wirklichkeit stellt sich anders dar. Als in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren die Massenarbeitslosigkeit einsetzte, ergriff 1931  die Gemeindevertretung unter Leitung ihres sozialdemokratischen Bürgermeisters Wilhelm Stimpert die Initiative, um „Auf der Schuwiese“ 15 Doppelhäuser für 30 Familien – weitgehend durch Selbsthilfe, aber auch mit Unterstützung der Gemeinde – bauen zu lassen.  

Dann überschlugen sich die politischen Ereignisse; Hitler kam an die Macht, die Nazis regierten auch in Sprendlingen und verkündeten kurz darauf, sie würden durch Planung und Bau von Siedlungshäuschen für Arbeit und Wohnraum sorgen. Am Pfingstsamstag 1935 wurde mit den Ausschachtungsarbeiten für  die Siedlung Schulwiese begonnen. Am 30. September 1935 zogen die letzten Siedlerfamilien ein. Die Häuschen mit Stall sind heute nicht mehr zu erkennen.  Wohnraumbedarf  und wachsender Wohlstand haben das Gesicht der Straße völlig verändert. 

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Hans Hunkel

Ein einziges Mal taucht in der Heimatgeschichte der Namen Hans Hunkel auf. Und auch nur deshalb, weil er so neugierig war. Man schrieb den 16, September des Jahres 1635. An diesem Tag, vormittags zwischen 9 und 10 Uhr, ritt der hessen-darmstädtische Amtmann Pors mit seinen Bediensteten in den Hof des Schlosses zu Offenbach ein. Er wollte, nachdem Kaiser Friedrich II. dem Grafen zu Isenburg das Land abgenommen und dem Landgrafen Georg II. geschenkt hatte, den Untertanen den Eid auf den neuen Herrn abnehmen. Aber keine Menschenseele ließ sich zunächst blicken. 

Plötzlich kamen zwei Gestalten langsam herbei: der Hainer Stadtschreiber Tobias und sein Freund Hans Hunkel aus Sprendlingen. Die beiden hatten den 12 Kilometer langen Fußmarsch auf sich genommen, um “emol ze gucke“, was sich da in der gräflichen Residenz abspielte, wenn eine neue Obrigkeit mit dem Regieren begann. Amtmann Pors befahl seinen bewaffneten Begleiter, die beiden Männer aufzuhalten, um den Untertaneneid einzufordern. Bereitwillig kamen Stadtschreiber Tobias  und Gefährte Hans Hunkel dieser Aufforderung nach. Um nun für die Zukunft zu zeigen, dass es für die Isenburger Untertanen ein großer Vorteil sei, dem Landgrafen Georg II. zu dienen, übertrug der mächtige Amtmann dem Hans Hunkel spontan eine wichtige Aufgabe. Als erster Sprendlinger, der jetzt „hessisch“ geworden war, erhielt Hunkel die Aufsicht über das „Gehölz Dreieychen“. Dieses Amt war mit einem kleinen Gehalt und einem guten Anteil an der Eichelmast verbunden. Hans Hunkel war durch seine Neugier unverhofft „hessischer“ Beamter geworden.

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Cornelia Pfaff

Nein, eine „Persönlichkeit“ der Heimatgeschichte ist Cornelia Pfaff nie gewesen. Trotzdem gehört der Tag ihrer Taufe zu jenen heimatkundlichen Episoden, die man sich gern erzählen lässt. Das stattliche Haus am Sprendlinger Lindenplatz, neben der Kirche, war ursprünglich nicht das Pfarrhaus. Es war der Sitz der gräflich-isenburgischen Forstbeamten und wurde erst Jahrhunderte später von den Isenburgern für die Pfarrherren zu Verfügung gestellt.  

In diesem Forsthaus herrschte an einem schneereichen Wintertag, es war der 14. Dezember 1692, eitel Freude. In der festlich gerichteten Wohnstube sollte das Töchterlein des Hochgräflich Isenburger Försters Bernhard Pfaff getauft werden. Der Pfarrer, die Familie, Verwandte und Festgäste, die das geräumige Zimmer in einen Raum qualvoller Enge verwandelt hatten, schauten abwechselnd  auf das niedliche Mädchen in der Wiege und durch die Fenster, die man immer wieder vom Eis freihauchen musste: Man wartete auf die aus Frankfurt herbeieilende Patin, hessisch: „Gote“.  

Endlich hörte man lustiges Schellengeläute, und ein Reiseschlitten fuhr vor. Herzlich wurde die mit der Försterfamilie befreundete Ehefrau des Gastwirts „Zum Weidenhof“ in Frankfurt, Cornelia Schellhorn, geborene Walther, empfangen. Die 24jährige sollte des Mädchens Gevatterin werden und gab ihr ihren Namen „Cornelia“. So wuchs denn im Dorfe Sprendlingen eine kleine Cornelia Pfaff auf, die eine Gote hatte, derentwillen diese Geschichte erzählt wird: Cornelia Schellhorn verlor 1704 ihren Gatten und heiratete am 4. Mai 1705 den 47 jährigen Friedrich Georg Goethe. Als 1714 die Sprendlingerin Cornelia Pfaff in Dietzenbach den Michael Wurm heiratete, sollte es immer noch 35 Jahre dauern, bis der Gote Cornelia Goethe schließlich ihr Enkelchen Johann Wolfgang geboren wurde, nämlich 1749. So hat die Cornelia aus dem Sprendlinger Forsthaus auch als Ehefrau nie erfahren können, dass „ihre Got“ zugleich auch die Großmutter des genialen deutschen Dichters Johann Wolfgang Goethe gewesen ist.

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Heinrich Schmidt

Es gibt noch alte Sprendlinger, die ganz genau wissen, wer der „Fußball-Schmidt“ gewesen ist. Das war der Lehrer Heinrich Schmidt, Vater des einstigen hessischen Sozialminister  und langjährigen Sprendlinger Stadtverordnetenvorstehers, Dr. Horst Schmidt. Im besten Sinne ist der „Fußball-Schmidt“ eine historische Figur. Neben Karl Nahrgang trat Heinrich Schmidt in den vierziger Jahren am häufigsten mit heimatkundlichen Schriften hervor. 

Schmidt, gebürtiger Offenbacher, besuchte nach dem ersten Weltkrieg das Pädagogische Seminar in Darmstadt und kam 1920 als junger Lehrer nach Sprendlingen. Er befasste sich eifrig  mit Heimatgeschichte, durchwälzte alte Kirchenbücher und untersuchte die Historie der alten Sprendlinger Häuser, die er in öffentlichen Vorträgen zusammenfasste. Im damaligen Dorf Sprendlingen gründete er die erste Fußballmannschaft und mehrere Schülermannschaften; daher auch sein Ehrenname „Fußball-Schmidt. Eine schwere Krankheit zwang ihn Anfang der dreißiger Jahre in den Ruhestand. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er noch am Aufbau der Sport- und Kulturgemeinschaft mit, begründete dort die Fußballabteilung und starb schon 1947. 

Heinrich Schmidt war ein Meister der Mundart-Literatur. Hier eine seiner „Schprennlenger Anekdote“, betitelt „Es Falleische“: Em Buchschlag hot amol a Schlossermahster ennere Villa zo doh gehot. Wie se baal fertich worn, hot er zu sam Stift gesaad, er selld noch de Hauschdeer nachgugge. A Weil druff hat de Buchschläger Madam de Stift gefreed: „Was machst du denn noch hier?“ Darauf de Stift: „Ich soll noch es Falleische nachseje, des ist net ganz in de Reih“. „Was ist denn das, ein Falleische?“ fragte die gnädige Frau. „Na, ewwe des Falleische dort an de Deer“, belehrte der Bub. Glücklicherweise kam gerade die Putzfrau, auch aus Sprendlingen, und erläuterte: „Also, des Falleische is aaf hochdeutsch des Falleisen und dademit maant de Bub des Türschloß“. Als die Gnädigste verstehend auflachte, sagte die Putzfrau zum Stift: „Merkste Bub, jetzt hots aach de Madam bedappelt“ (verstanden).

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Daniel Schmitt 

Was heute ein Bürgermeister ist, war früher ein von der adeligen Herrschaft eingesetzter Schultheiß. Von 1767 bis 1772 war Daniel Schmitt herrschaftlicher Schultheiß in Sprendlingen. Er und seine Tochter Maria Jakobea spielen in der nachfolgenden Geschichte die Hauptrollen. Am 11. November 1767 wurde Schultheiß Schmitt frühmorgens von Mattern Jung geweckt. Im Wald zu Buchenbusch – dort, wo dieser an den Sprendlinger Wald angrenzt – habe er ein winziges Kind gesehen, das von „einer leichtfertigen und Mutterpflicht vergessenen Dirne hingesetzt“ worden sei, erzählt der Mattern Jung verwirrt. Er habe das Kind an Ort und Stelle liegen lassen, weil er dadurch schneller laufen können, um die Entdeckung anzuzeigen. 

Schultheiß Schmitt zögerte keinen Augenblick. Er trommelte den Gerichtsschöffen Valerius Schäfer aus dem Bett, befahl ihm, sich etwas überzuziehen, und gemeinsam eilten die Männer durchs Dorf. Schmitt hatte sogar noch den Einfall, die Hebamme mitzunehmen. Genau an der angegebenen Stelle fanden sie dann den leise wimmernden Säugling. Das Baby wurde Philipp Wilhelm Spenglers Ehefrau in ihrer Eigenschaft als „Säugerin“ vom Schultheiß persönlich übergeben. Gleichzeitig machte er Meldung an das Oberamt in Offenbach. Nun bereitete dem braven Schultheißen aber das Seelenheil des Kindes – es war ein Mädchen – noch Sorgen: War es schon im Stande der heiligen Taufe? Die Hebamme schätzte das Kind auf ein Alter von 14 Tagen. Da hätte unter rechten Bedingungen die Taufe schon stattgefunden haben können.

Schultheiß Daniel Schmitt beriet sich nun mit der Hochfürstlichen Regierung und erhielt den Auftrag, für das Mädchen die Taufe vorbereiten zu lassen und es mit dem Familienname „Buchenbuschin“ zu versehen. Aber so ein kleines Mädchen braucht doch auch christliche Vornamen und eine Patin, dachte sich der Schultheiß. Als dann am 24. November in der Sprendlinger Kirche die Taufe stattfand, stand des Schultheißens ledige Tochter Maria Jakobea bereit und hielt das Mädchen übers Taufbecken. Es hieß nun Maria Jakobea Buchenbuschin. 

Schultheiß Schmitt konnte nicht ahnen, dass für die evangelisch getaufte „Buchenbuschin“ bald Probleme auftauchen würden: Die flüchtige Mutter wurde 1767 gefasst. Sie gestand, das aufgefundene Mädchen am 24. Oktober 1767 zu Ober-Wöllstadt geboren zu haben. Aber: Das Kind sei bereits dort von einem katholischen Geistlichen getauft und Juliane genannt worden. Es ist leider nicht überliefert, ob die kleine evangelische Maria Jakobea nun wieder in eine katholische Juliane zurückverwandelt werden musste.

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Bussius de Amboysia

(ho) Das vor vielen Jahren ausgerechnet ein Mann mit dem romantischen Namen Bussius de Amboysia im kleinen Sprendlingen für eine Turbulenz sorgte, die sogar in heimatkundlichen Büchern festgehalten wurde, ist sicher des Erzählens wert.

Im Jahr 1573 brauchte Polen einen neuen König. Der deutsche Kaiser Maximilian bewarb sich um die polnische Königswürde. Aber nicht er, sondern der französische Herzog Heinrich 3. von Anjou wurde zum neuen Polenmonarchen auserkoren. Weil es damals dumm-gutmütige Patrioten gab, die sich wegen des Kummers und der Demütigung ihrer gekrönten Herren selbst verkümmert und gedemütigt fühlten, so war dieses geschichtliche Ereignis Anlass für einen großen Krach in Sprendlingen.

Zu jenen Fürsten, die dem französischen Herzog auf seinem Weg durch Deutschland das Ehrengeleit geben sollten, gehörte auch Graf Wolfgang von Isenburg-Büdingen. Am 17. Dezember 1573 zog der neue Polenkönig mit seinem Gefolge in Frankfurt am Main ein. Begleiter des neuen Königs war auch der vornehme Herr Bussius de Amboysia. Er hatte die Pflicht, Herrn Heinrich von Anyou bis Frankfurt zu begleiten. Danach drehte er sein Pferd in die entgegengesetzte Richtung, um nach Frankreich zurückzureiten.

Aber erst einmal kam er nach Sprendlingen. Dort kehrte er bei dem Gastwirt Lilian Schickedanz ein. Wirt Schickedanz war selber gerade nicht anwesend, sondern unterwegs zum Weinkauf in Offenbach. Als spätabends der angetrunkene Schickedanz nach Hause kam und erfuhr, dass ein Franzose, ein genau solcher Franzose, wie der, der seinem Kaiser das Recht auf das polnische Königreich streitig gemacht hatte, unter seinem treudeutschen Dache wohne, da jaulte Schickedanz vor nationaler Kränkung laut auf. Er drohte seiner Frau, sie grün und blau zu verprügeln. Nun schrie die Frau auf. Das hörte der Kavalier Bussius de Amboysia in seinem Bette, sprang auf, fand als echter Franzose sofort die Küche und die Wirtin – und sah sich einem angetrunkenen, streitbaren Gastwirt Schickedanz gegenüber.

Der Gastwirt sah rot und griff den Herrn aus Frankreich tätlich an. Der Franzose war zwar im Nachthemd, aber als umsichtiger Edelmann hatte er seinen Degen mit in die Küche gebracht. Mit diesem schlug er zunächst dem Wirt dessen Waffe aus der Hand (es ist nicht überliefert, um welche Tötungsmaschine es sich handelte). Danach stach Herr Amboysia den Herrn Schickedanz so kunstgeübt und empfindlich, dass jener ein weiteres Mal jaulte und blutete. Jetzt gings erst richtig rund, Schickedanz brach zusammen. Bauern umringten den Amboysia. Ein ganz Schlauer rannte zur Kirche und ließ die Glocken läuten. Die Einwohnerschaft versammelte sich panikartig vor dem Gasthaus und prüfte, wo Feuer  ausgebrochen sei. Inzwischen hatte der bedrohte Bussius die Gasthaustür mit Tischen verbarrikadiert und versteckte sich. Laut rief er nach einem Dolmetscher, um den Irrtum aufzuklären.

Fenster, Bänke, Öfen gingen bei dem anschließenden Kampf völlig zu Bruch. Ein adeliger Knappe des französischen Herren wurde getötet. Ein Frankfurter und ein Hesse (das war ein Unterschied!) wurden verwundet. Man fesselte den erheblich verletzten Bussius und brachte ihn auf Geheiß von Amtmann Hadermann aus Dreieichenhain nach Offenbach zum Grafen von Isenburg-Büdingen. Der kam herbeigebraust und forderte, den Franzosen sofort freizulassen. Nicht auszudenken, wie Heinrich 3. auf das reagieren würde, was seinem Landsmann Bussius de Amboysia in Sprendlingen widerfahren war… Der französische Edelmann kam unverzüglich frei und soll noch recht lange gelebt haben.  

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Johann Balthasar Spieß

Das schöne Fachwerkhaus neben der Alberuskirche am Lindenplatz war einst der Wohnsitz aller evangelischen Geistlichen von Sprendlingen. In den Jahren 1831 bis 1841 lebte dort der Pfarrer Johann Balthasar Spieß. Seinen weit über seine Zeit hinausgehenden Ruf hat er sich allerdings nicht als Theologe, sondern als Schulmann erworben. Johann Balthasar Spieß (1782-1841) war etwa 30 Jahre alt, als man ihm in Offenbach die Leitung des Bernhardstiftes, eines Erziehungsinstituts für Knaben übertrug.

Um die Jahrhundertwende muss Spieß den Organisten und Kantor Adam Erk aus Dreieichenhain kennengelernt haben, den Vater des später so berühmten Volksliedersammlers Ludwig Erk. Der Glaube und die Liebe zur Musik zogen die beiden Männer zueinander hin. Sie wurden Freunde. So kam es, dass Spieß den am 6. Januar 1807 geborenen Ludwig Erk zu seinem Patenkind machte. Als Vater Adam Erk am 31. Januar 1820 in Dreieichenhain starb, nahm Johann Balthasar Spieß den 13jährigen Ludwig, einen hochmusikalischen Knaben, zu sich nach Offenbach in das Bernhardstift. Spieß, ein Verehrer der Pädagogik Pestalozzis, gab seinem Patenkind eine für die damalige Zeit gediegene humanistische Ausbildung. Außerdem setzte er den jungen Ludwig dafür ein, gleichaltrigen Kindern Musikunterricht zu erteilen.

Später widmete Ludwig Erk seinem Patenonkel und Lehrer sein reifstes Werk, den “Liederhort“. Überliefert sind Erks Worte: „Spieß und Diesterweg (der berühmte Pädagoge) haben mich ins Leben gestoßen mit all ihrer Leidenschaft zur Musik“. In dem 1988 auf der Dreieichenhainer Naturbühne aufgeführten Volksstück „Der Schatzsucher“ wurde sowohl Ludwig Erk als auch Johann Balthasar Spieß wieder lebendig.

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Erasmus Alberus

Natürlich gehört in diese Serie über Menschen, die in unserer Heimat ihre Spuren hinterließen, Erasmus Alberus. Das 16. Jahrhundert war rar an deutschen Dichtern, die Bleibendes geschaffen haben. Zu denen, die – unabhängig ihrer sonstigen Verdienste – von der Literaturgeschichte noch heute rühmend erwähnt werden, zählt Erasmus Alberus. Elf Jahre lang – von 1528 bis 1539 – war er Pfarrer in Sprendlingen und Götzenhain.

In Staden oder Engelrod in der Wetterau soll er um! 500 als Sohn eines katholischen Geistlichen  geboren sein. Durch die Zeugung dieses Sohnes und einer danach vollzogenen Heirat brach der Vater mit dem Katholizismus und wandte sich dem evangelischen Glauben zu. In diesem protestantischen Geist wurde Erasmus erzogen. Nach dem Schulbesuch in Nidda, wo er, wie in seinem „Buch der Ehe“ erzählt, von seinem Schulmeister grausam behandelt wurde, studierte  Alberus in Wittenberg bei Luther und Melanchthon. Alberus lehrte später bei den Ursulinen in Frankfurt und Heidelberg und wurde vom Landgrafen Philipp von Hessen nach Sprendlingen gerufen, um dort die Reformation einzuführen.

Alberus, schon zu Lebzeiten als „Eiferer und Polemiker“ bekannt, ging aber mit großer Vorsicht daran, die Sprendlinger vom alten zum neuen Religionsverständnis zu führen. Viele Bräuche, die den Christen vertraut waren, tastete er nicht an. Er behielt beispielsweise den priesterlichen Chorrock an und verging sich an keinem der Feiertage. 

Sein Mittel, den Glauben zu reformieren, waren die im Geiste Luthers verfassten Predigten und die von ihm geschriebenen und eingeführten Choräle. Seine geistlichen Lieder und „Neunundvierzig Fabeln – mit guten Reimen verkläret“ fanden starke Verbreitung. Nach seinem Aufenthalt in Sprendlingen war er Hofprediger zu Berlin, Oberpfarrer in Brandenburg, , Pfarrer in Staden und Babenhausen, wo er willkürlich entlassen wurde. Es folgte Magdeburg, wo er ebenfalls entlassen wurde. Schließlich war er Generalsuperintendant in Neu-Brandenburg, wo er 1553 verstarb. Alberus hinterließ in seinen Fabeln unter anderem die Sage vom Sprendlinger Hirschsprung.

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Heinrich von Sprendlingen

Immer stand das Dorf Sprendlingen im Schatten der einstigen Residenzstadt Dreieichenhain. Ja sogar die Burgmannensiedlung Götzenhain, sozusagen das Küchendorf für die Herrschaften in Dreieichenhain, war noch vornehmer. Und doch, so hat Heimatforscher Heinrich Runkel herausgefunden, hat es zumindest im 13. Jahrhundert auch in Sprendlingen eine adlige Herrschaft gegeben.

„Henricus de Sprendlingen“ (Heinrich von Sprendlingen) wird in wenigstens zehn Urkunden erwähnt, die zwischen 1269 und 1287 ausgefertigt worden waren. In diesen Dokumenten, die sich mit Schenkungen, Vermächtnissen, Verkäufen und Bürgschaften beschäftigen, steht der Name Henricus in einer Reihe von vielen „edelen Herren“.  Man darf also annehmen, dass dieser Henricus oder Heinrich zum sogenannten niederen Adel gehörte. Ganz bestimmt zählte er zum Freundeskreis der Ministerialen-Familie von Falkenstein, die über mehrere Jahrzehnte den mächtigen Wildbannvogt für die Dreieich stellte. Denn in vier der aus dem 13. Jahrhundert überlieferten Urkunden ist Heinrich von Sprendlingen als Zeuge für die Falkensteiner benannt.

Dieser Heinrich war verheiratet. Das geht aus einer Schenkungsurkunde vom 21. Januar 1289 hervor. Sie beginnt: „Wir Heinrich von Sprendlingen, und Gertrudis, seine Frau…“ In diesem Dokument bekundet das Ehepaar, dass es dem Kloster Patershausen (bei Heusenstamm) seine Besitzungen in Vilbel, Griesheim, Kelsterbach, Sachsenhausen, Frankfurt und Neuenhain vermachen will, falls es kinderlos bleibt. Gleichzeitig behielten sich die Eheleute auf Lebenszeit das Recht zur Nutzung und zum Verkauf von Teilen ihrer weitgestreuten Besitzungen vor.

Die adligen Herrschaften blieben wohl tatsächlich kinderlos, denn in einer Urkunde vom August 1303 bestätigt Philipp von Münzenberg, dass der “ehrsame Heinrich von Sprendlingen und seine Frau Gertrudis die Vilbeler Güter in Dorf und Feld dem Kloster Patershausen geschenkt haben“. Nach dem Tode Heinrichs verwaltete Gertrudis Bruder die Güter. Die Witwe verbrachte ihren Lebensabend im Kloster Patershausen. 

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Goethe und Sprendlingen

Sprendlingen muss zu Anfang des 19. Jahrhunderts wirklich ein ärmliches Nestchen gewesen sein. Es muss sich stark von anderen deutschen Dörfern unterschieden haben, dass es sogar dem Dichterfürsten Johann Wolfgang Goethe auffiel. Der Goethe kam oft durch Sprendlingen, denn das Dorf lag schließlich an der wichtigen Nord-Süd-Straße des Reiches.  Entweder er wollte gerade mal auf die Schnelle nach Frankfurt, um Mutter Aja guten Tag zu sagen, oder es trieb ihn zu seinem Darmstädter Freund, den Kriegsrat Merck.  

Um Sprendlingen kam da die Postkutsche nie drumrum. Bereits am 25. August 1797 verewigte Goethe das Dorf Sprendlingen in seinem Tagebuch und zwar naturwissenschaftlich und sozial: in seinen Notizen „Aus einer Reise in die Schweiz“ finden wir: „Auf der Chaussee von Sprendlingen bis Langen findet sich viel Basalt, der sehr häufig in dieser flach erhobenen Gegend krachen muss; weiterhin sandiges flaches Land, viel Feldbau aber mager. Ich sah seit Neapel zum erstenmal wieder Kinder Pferdeexkremente in Körbchen sammeln!“ Soweit Goethe. Neapel war ihm erinnerlich als die entschieden ärmlichste Stadt Italiens.  

An dieser Notiz ist ebenfalls beachtlich, wie scharf der Weimarer Staatsminister, Theaterintendant, Dichter und Naturwissenschaftler Freiherr Dr. von Goethe zu beobachten wusste. Im Herbst 1815  soll Goethe zum letzten Mal mit seiner schweren Reisekutsche durch Sprendlingen gerumpelt sein. Er wollte nach Langen. In Langens Gasthaus „Zur Sonne“ pflegte er nach Frankfurt zum ersten Male die Pferde wechseln zu lassen. Dort traf er sich während dieser Umspannpause immer mit seinem Intimus Merck.  

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Schiller und Sprendlingen

Hatte unser großer Dichter Friedrich Schiller irgendeine Beziehung zu Sprendlingen? Wenn Schillers Freund Andreas Streicher in seinem Reisebericht „Schillers Flucht von Stuttgart“  von dem Dreieich-Heimatforscher Dr. Hans Kemp richtig gedeutet worden ist, dann hatte der Dichter im September 1782 sogar eine höchst unangenehme Beziehung zu Sprendlingen, genauer zu einem Gasthaus. 

Am 22. September des genannten Jahres floh Schiller, begleitet von Andreas Streicher, aus Stuttgart. Wegen Geldmangels mussten die beiden die Reise zu Fuß antreten. Als Ziel war Mannheim ins Auge gefasst. Da aber ungewiss war, ob die Häscher des Herzogs Karl Eugen von Württemberg nicht auch in Mannheim nach dem in Ungnade gefallenen Dichter suchen würden, wichen die Freunde zunächst nach Frankfurt aus. Auf ihrem Weg kamen Schiller und Streicher auch nach Darmstadt, wo sie übernachteten. Am nächsten Tag machten sie zuerst Rast in Arheilgen und kehrten Stunden später erneut ein – in irgendeinem Gasthaus eines nicht näher bezeichneten Dorfes. Dazu Andreas Streicher: „Allein es war in dem Wirtshaus zu lärmend, die Leute zu roh, als dass es über eine halbe Stunde auszuhalten gewesen wäre“. Die Freunde verließen schnell die ungastliche Stätte und schlugen ihr Lager kurze Zeit später in einem Wäldchen auf. Während der völlig übermüdete Schiller sofort einschlief, hielt sein Weggefährte ängstlich Wache. 

Heimatforscher Dr. Hans Kemp suchte nun herauszufinden, wo genau sich jene Episode zugetragen hat. Nach gründlicher Analyse des Reiseberichts, bei der er auch die Wegstunden zusammenzählte, kam er zu dem Schluss, dass Schiller und Streicher in einem Wäldchen zwischen Sprendlingen und Neu-Isenburg ihr Notlager aufschlugen. Und das unwirtliche Gasthaus muss laut Nachforschungen Kemps in Sprendlingen gestanden haben. Der Heimatforscher schrieb: „Es kann für ausgemacht gelten, dass der Ort, an dem der wegemüde Dichter Erholung suchte, aber nicht fand, Sprendlingen gewesen ist.

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